«Aus den Augen heisst nicht gleich aus dem Sinn. Archivierte Fundstücke können dank der neuen Forschungsmethoden immer wieder neue Erkenntnisse liefern», erklärt Sarah Leib. (Fotos: Michael Zanghellini)
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Liechtenstein|27.08.2021

Archäologin: Mein Traumberuf

Archäologie sei etwas für Menschen, deren Leidenschaft die Geschichte ist. Das Schönste an diesem Beruf sei aber nicht, historische Objekte auszugraben, sondern diese für die Nachwelt zu erhalten. Die Leiterin der Archäologie, Sarah Leib, berichtet über ihren Alltag.
«Aus den Augen heisst nicht gleich aus dem Sinn. Archivierte Fundstücke können dank der neuen Forschungsmethoden immer wieder neue Erkenntnisse liefern», erklärt Sarah Leib. (Fotos: Michael Zanghellini)
Archäologie sei etwas für Menschen, deren Leidenschaft die Geschichte ist. Das Schönste an diesem Beruf sei aber nicht, historische Objekte auszugraben, sondern diese für die Nachwelt zu erhalten. Die Leiterin der Archäologie, Sarah Leib, berichtet über ihren Alltag.

«Fritig»: Frau Leib, was ist der Reiz an Ihrem Beruf?

Sarah Leib: Eindeutig die Vielfalt, die wir in unserem Berufsalltag erleben dürfen. Es ist jedes Mal aufs Neue spannend, an eine Baustelle zu kommen und herauszufinden, was sich da in früheren Tagen zugetragen hat. Solche Orte können nicht nur Aufschluss darüber geben, welche Menschen hier lebten, sondern auch wie sie lebten. Das ist wohl der grosse Reiz an der Archäologie.

Welche Aufgabe hat denn eine Archäologin?

Die Archäologie ist ein breites Feld. Wir in Liechtenstein haben eine ganz besondere Aufgabe: Wir führen einen gesetzlichen Auftrag aus. Das heisst unter anderem, dass wir vor Ort sein müssen, wenn in einem archäologischen Perimeter eine Baustelle eröffnet wird. Unsere Aufgabe ist es, zu prüfen, ob es dort menschliche Hinterlassenschaften gibt. Trifft dies zu, müssen wir die Fundstücke sichern, dokumentieren und anschliessend in unsere Obhut nehmen.

Gestatten Sie die provokante Frage: Braucht es das?

Unbedingt. Ich verstehe uns Archäologen gewissermassen als die Anwälte des liechtensteinischen Kulturguts. Wir sorgen dafür, dass dieses Gut nicht verschwindet oder zerstört wird. Damit erhalten wir unsere Geschichte für uns selbst, aber auch für kommende Generationen.

Die Fundstücke in Sicherheit zu bringen, ist wohl nur ein Teil Ihrer Aufgaben. Inwiefern tragen diese zur Forschung bei?

Forschung ist ein wichtiges Stichwort. Wenn wir ein Objekt sichern und dokumentieren, müssen wir diese Informationen einerseits der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Das tun wir im Rahmen von Führungen, Publikationen oder Ausstellungen. Andererseits arbeiten wir oft mit Forschern aus dem Ausland zusammen. Das sind fruchtbare Kooperationen. Gemeinsam mit ihnen schaffen wir es, aus kleinen Fundstücken neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Haben die Funde aus den vergangenen Jahrzehnten das Wissen über unsere Geschichte massgeblich verändert?

Ja, immer wieder. Funde können unser Bild nicht nur erweitern, sondern auch bereichern. Ein aktuelles Beispiel ist der Benderer Kirchhügel. Dort wurden bereits in den 1960er-Jahren erste Grabungen durchgeführt. Im Rahmen eines grossen Forschungsprojekts haben wir nun alle Funde und Befunde aufgearbeitet. Es ist einfach erstaunlich, dass auf so engem Raum Tausende historische Objekte ans Tageslicht kamen. Bis heute ist es uns ein Rätsel, warum gerade auf dem Kirchhügel ein solches Ballungsgebiet war. Erst die Möglichkeit, das alles aufzuarbeiten, bringt etwas Licht ins Dunkel.

Obwohl der Benderer Kirchhügel ein historischer «Hotspot» ist, führt die Archäologie nicht ohne Anlass Grabungen durch, richtig?

Richtig, wir führen keine Forschungsgrabungen durch. Wir reagieren nur dann, wenn Kulturgut unmittelbar bedroht wird. Unser gesetzlicher Auftrag lautet klar, archäologische Funde zu retten und zu dokumentieren. Somit sind wir meistens auf Baustellen anzutreffen, oder auch mal, wenn zum Beispiel in einem Funderwartungsgebiet ein Baum entwurzelt wird.

«Unser gesetzlicher Auftrag lautet klar, archäologische Funde zu retten und zu dokumentieren.»

Wie gehen Sie vor, wenn eine Baustelle eröffnet wird?

Grundsätzlich verschaffen wir uns erst einen Überblick über die Baugesuche. Befindet sich ein Bauplatz innerhalb des archäologischen Perimeters, entscheiden wir, welche Massnahmen wir treffen: Wir können beispielsweise die Bauarbeiten begleiten oder schon vor dem Spatenstich eine Sondierung vornehmen. Handelt es sich um ein Gebiet, in dem wir schon früher viele Funde gemacht haben, können wir sogar eine Notgrabung einleiten.

Was geschieht mit den Funden, nachdem Sie sie gesichert und abtransportiert haben?

Die Sicherung vor Ort ist der erste sichtbare Teil unserer Arbeit. Ein grosser, unsichtbarer Teil findet dann aber in unseren Räumlichkeiten in Triesen statt. Wir müssen dafür sorgen, dass die Fundstücke gereinigt und archiviert werden. Jedes einzelne Objekt erhält dafür eine Nummerierung und wird in einer Datenbank erfasst. Sobald dieser Arbeitsschritt abgeschlossen ist, kommen die Funde ins Depot, in dem wir sie sachgerecht aufbewahren. So können wir sicher sein, dass die Objekte für die nächsten Jahrzehnte – optimalerweise sogar Jahrhunderte – erhalten bleiben.

Bleiben die Fundstücke im Archiv, oder nehmen Sie diese hin und wieder hervor?

Da jedes Objekt nummeriert ist, können wir es bei Bedarf rasch wieder auffinden. Es ist nicht selten, dass externe Stellen gewisse Funde zu Forschungszwecken brauchen. Wir freuen uns immer wieder, wenn ein bereits archivierter Gegenstand neue Erkenntnisse liefert. Die Forschungsmethoden ändern sich nämlich rasant. So kann es sein, dass neue Oberflächen- oder Materialanalysen unser Wissen erweitern. Ausserdem stellen wir Funde für Ausstellungen zur Verfügung.

Welcher Fund gilt als «Aus hängeschild» der liechtensteinischen Geschichte?

Wohl die Gutenberger Votivstatuetten. Sie sind weltweit einzigartig – sowohl in ihrer Form als auch in ihrer Zusammensetzung. Zwei Buben fanden die Figuren vor rund 80 Jahren auf dem Burghügel in Balzers.

Was definiert eigentlich den Begriff Archäologie? Wie alt muss etwas sein, dass es als historisch gilt?

Archäologie ist ein unglaublich breites Betätigungsfeld. Sie beginnt in der Ur- und Frühgeschichte – was ich beispielsweise studiert habe – und endet im 21. Jahrhundert. Die Archäologie befasst sich also mit der gesamten Menschheitsgeschichte; vom ersten Auftreten bis heute. Industrie- und Weltkriegsarchäologie sind beispielsweise zwei «moderne» Fachbereiche. Dann gibt es aber auch Archäologen, die sich mit bestimmten Kulturen befassen, wie etwa Ägyptologen.

Zusammengefasst: Alles, was im Boden zu finden ist?

Ja. Alles, was der Mensch hinterlassen hat.

Welche Sonnen- und Schattenseiten hat Ihr Beruf?

Mein Berufsalltag ist geprägt von organisatorischen und administrativen Aufgaben. Zudem muss ich sicherstellen, dass wir den gesetzlichen Auftrag erfüllen. Das ist eine grosse Verantwortung. Allerdings habe ich so die Möglichkeit, mit vielen Menschen zusammenzuarbeiten. Allein unser Team ist sehr vielfältig aufgestellt: Es besteht aus Archäologinnen, einem Grabungstechniker, einer Anthropologin, einer Restauratorin und geschulten Fachleuten im Bereich Sammlung. Da kommt sehr viel Wissen zusammen – was sicher zu den spannendsten Eigenschaften meines Berufs gehört. Herausfordernd ist natürlich, dass der Alltag gewissermassen unberechenbar ist. Für gewöhnlich wissen wir nicht, an welcher Baustelle etwas zutage kommen wird. Erst die letzte Baggerschaufel schafft Gewissheit.

Sind Sie trotz Ihrer organisatorischen Aufgaben noch mit «Pinsel und Schäufelchen» an einer Grabungsstätte anzutreffen?

Mein Berufsalltag spielt sich mehr oder weniger drinnen ab. Ich koordiniere die Fachbereiche und Grabungsbelange. Wann immer möglich, besuche ich die Grabungen auch selbst. Das ist wichtig für die Erfahrung. Für die Ausgrabung selbst sind aber jene Fachleute verantwortlich, die eigens dafür eingeteilt wurden.

Stichwort Fachleute: Welche Ausbildung muss man absolvieren, um Archäologe zu werden?

In der Regel ein Studium. Da hat man aber die Qual der Wahl, denn es gibt unzählige Fachbereiche. Diese unterscheiden sich nach Epoche, Kultur oder Geografie. Hat man sich für einen Schwerpunkt entschieden, dauert das Studium für gewöhnlich fünf Jahre. Wer noch ein Doktorat anhängen möchte, muss mit mindestens drei weiteren Jahren rechnen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Grabungstechniker zu absolvieren. Diese dauert drei Jahre.

Ist es demnach mehr ein Beruf, den man bewusst anstrebt, als einer, in den man «hineinrutscht »?

Das kann man so sagen. Archäologen sind leidenschaftliche Menschen, die auch in widrigen Umständen am Ball bleiben. Und wer immer engagiert ist, kann auf diesem Bereich viel erreichen.

Wie war es bei Ihnen?

Ich wollte immer schon einen Beruf mit Geschichte erlernen. Archäologie verbindet das geschichtliche Wissen mit der praktischen Arbeit. Als ich dann wusste, was Ur- und Frühgeschichtler im Alltag erwartet, habe ich mich für diesen Weg entschieden.

Gibt es auch Berufe, die sich mit der Archäologie überschneiden?

Ja. Dies sind diejenigen Berufsfelder, bei denen unser Wissen an seine Grenzen stösst. So gibt es beispielsweise Archäozoologen oder -botaniker, die sich auf Tierknochen respektive Pflanzen konzentrieren. Für solche Nischen braucht es einfach Fachleute.

Und auf diese Spezialisten greifen Sie hin und wieder zurück, nehme ich an?

Genau. Mit den Archäozoologen arbeiteten wir beispielsweise gerade in den vergangenen zwei Jahren zusammen. Bei einer Grabung auf dem St.-Peter-Platz in Schaan – ausserhalb der römischen Kastellmauern – fanden wir einige Tierknochen. Darunter auch eine Grube, in der die Überreste zweier Ziegen lagen. Es stellte sich heraus, dass sie aus dem 7. oder 6. Jahrhundert vor Christus stammten. Die Ziegen wurden geschlachtet, gegessen und dann in dieser Grube deponiert. So erweitern wir Stück für Stück wie ein Puzzle das Bild unserer Vergangenheit. Für mich ist es faszinierend, welch unglaubliche Fülle Liechtensteins Geschichte zu bieten hat.

«Für mich ist faszinierend, welch unglaubliche Fülle
Liechtensteins Geschichte 
zu bieten hat.»

Eine Fülle, die es weiterhin zu entdecken gilt. Doch geht einer Archäologin irgendwann nicht die Arbeit aus?

Diese Frage höre ich oft. Nein. Jedenfalls nicht, solange gebaut wird. Mich überrascht immer wieder, wo die Menschen über die Jahrtausende hinweg überall gesiedelt haben. Vom Tal bis in die weitesten Höhenlagen. Somit gibt es in den nächsten Jahren sicherlich noch genügend zu tun.

Was wünschen Sie sich denn, abgesehen von spannenden Funden, für die nächsten Jahre?

Ich hoffe, dass wir weiterhin ein so starkes Team bleiben können und dass wir die Möglichkeiten, die wir derzeit haben, auch in Zukunft noch haben werden. Natürlich hoffe ich auch, dass wir der Bevölkerung sehr viel zurückgeben können. Beispielsweise in Form von Führungen, Publikationen oder Ausstellungen.

(mw)

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