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 (Foto: Madeleine Ihle)
Lifestyle
Region|16.08.2019 (Aktualisiert am 12.09.19 16:08)

Verletzlichkeit als Stärke

Sommerpause vorbei, es gibt wieder Lesestoff. Obwohl ich keinen Urlaub hatte, bin ich sehr erholt und freue mich wieder regelmässig für euch in die Tasten zu schlagen.

 (Foto: Madeleine Ihle)

Sommerpause vorbei, es gibt wieder Lesestoff. Obwohl ich keinen Urlaub hatte, bin ich sehr erholt und freue mich wieder regelmässig für euch in die Tasten zu schlagen.

Als sehr vielseitiger und wissensdurstiger Mensch lese ich oft, höre mir Hörbücher oder Podcasts an, besuche Vorträge und Seminare. Das Thema Verletzlichkeit begleitet mich nun schon länger und ist so präsent in unserer Gesellschaft. Nur schon die Tatsache, dass ich im Zweiwochentakt diesen Text aus meinen Gedanken, Erfahrungen und Gelesenem tippe, bietet Angriffsfläche und macht mich extrem verletzlich. Wenn ich aber nicht so authentisch und ehrlich zu euch wäre, würdet ihr dann meine Texte genauso gerne lesen? Und genau darum geht es. Wir wählen meist den Weg des geringsten Widerstands und haben Angst vor Zurückweisung. Denn Verbundenheit und Zugehörigkeit fühlt sich gut an und wird oft über die innere Stimme gestellt. Wie manchmal denkt man sich «das würde ich jetzt gerne sagen, machen, zeigen»und macht es wirklich genau so? Gerade wenn dabei erforderlich ist, die Hose runter zu lassen. Letztens war ich zusammen mit einer guten Freundin auf einem Event. Da haben verschiedene erfolgreiche Persönlichkeiten Vorträge über die grössten Misserfolge ihrer Karriere gehalten. Als ob das nicht schon genug Verletzlichkeit an einem Abend wäre. Da gabs eine Präsentation mit der sich der Eventorganisator aus eigenen Erfarhungen sehr gut identifizieren konnte. Ich will gar nicht zu sehr auf die Details eingehen. Der Organisator wollte nach dem Vortrag eine persönliche Frage stellen, musste aber unterbrechen, weil ihn das Thema so sehr berührt hat. Ja, er hat auf der Bühne vor vollem Saal geweint. Das war auf keinen Fall geplant, aber die Gefühle haben ihn übermannt. Im Raum wurde es ganz still. Die Speakerin gab ihm ein wenig Zeit und ist noch etwas tiefer auf die Thematik eingegangen. Was danach folgte, war unglaublich. Der Event findet seit zwei Jahren regelmässig statt und genau diese wurde als beste und emotionalste Ausgabe gefeiert. Ihr könnt euch bestimmt denken, auf was ich hinaus will. Wir lieben es, die nackte Wahrheit und Offenheit in Anderen zu sehen, haben aber Angst, unsere eigene zu zeigen. Sie könnte ja nicht interessant oder beeindruckend genug sein. Übers «Nicht genug sein»werde ich auch mal schreiben. Situationen die ein unbehagliches Gefühl in uns auslösen: Nach Hilfe fragen. Ungeschminkt aufs erste Date gehen. Jemanden anrufen, der gerade einen Schicksalsschlag erlitten hat. Die Kündigung erhalten. Etwas Neues ausprobieren. Als erstes «ich liebe dich»sagen. Für sich selber einstehen. Und das sind nur ein paar Beispiele, ihr könntet die Liste bestimmt beliebig lange mit mir ergänzen. Verletzlichkeit klingt nach Wahrheit und fühlt sich an wie Mut. Das ist nicht immer angenehm, aber auf keinen Fall hat es irgendetwas mit Schwäche zu tun. Leider ist das der meist verbreitete Mythos in unserer Gesellschaft und macht ihn so zum gefährlichsten überhaupt. Wir können unser wahres Ich nicht sehen lassen, wenn wir ständig daran denken, was andere über uns denken könnten. So können wir kein Leben aus vollem Herzen führen. Das Gefühl das uns überkommt, wenn wir uns verletzlich zeigen, ist Scham. Wir können lernen in einer gewissen Weise schamresilient zu werden. Dies beinhaltet die Fähigkeit zu sagen «Das tut weh, das ist enttäuschend oder sogar verheerend. Aber Erfolg, Zustimmung und Anerkennung sind nicht die Werte, die mich antreiben. Mein Wert ist Mut und ich war einfach nur mutig. Geh aus dem Weg liebe Scham.» Scham passiert zwischen Menschen und heilt da auch am besten. Empathie ist wie in so vielen anderen Bereichen der beste Weg. Übrigens sind die Schamauslöser geschlechtsspezifisch sehr unterschiedlich. Bei Frauen liegt der wundeste Punkt bei ihrem Erscheinungs- und Körperbild, Männer fühlen sich sehr verletzlich, wenn sie Schwäche offen zeigen. Schlussendlich ist Verletzlichkeit der Kern aller Emotionen und Gefühlen. Zu fühlen heisst, verletzlich zu sein. Da ich mittlerweile weiss, dass sehr viele meine Texte lesen, was mich im Übrigen unglaublich stolz macht, würde ich mich auch mal übers ein oder andere Feedback oder eine angeregte Diskussion in den Kommentarspalten im fritig, beim Blogeintrag auf meiner Webseite oder wo auch immer ihr den Kontakt zu mir findet, freuen.

Auch Themenanregungen nehme ich gerne entgegen. alessiaschoen.com Instagram: alessia.schoen

(as)

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