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Suchtpotential: Thomas Häubi liest aus 400 Jahre alten Dokumenten vor. (Foto: sw)
Vermischtes
Region|09.04.2019

Ahnenforschung: Ein Hobby mit Suchtpotenzial

Irgendwann kommt so ein Punkt im Leben, an dem man beginnt, sich für seine Wurzeln zu interessieren. Alte Unterlagen, teils unleserliche, werden vererbt. Oder die Frage nach der Herkunft des Namens gibt den Ausschlag. Manchmal ist die Geburt des eigenen Kindes der Auslöser.

Suchtpotential: Thomas Häubi liest aus 400 Jahre alten Dokumenten vor. (Foto: sw)

Irgendwann kommt so ein Punkt im Leben, an dem man beginnt, sich für seine Wurzeln zu interessieren. Alte Unterlagen, teils unleserliche, werden vererbt. Oder die Frage nach der Herkunft des Namens gibt den Ausschlag. Manchmal ist die Geburt des eigenen Kindes der Auslöser.

Bei Thomas Häubi aus Heiligkreuz waren es die Erzählungen seines Grossvaters, der als Verdingkind auf einem Bauernhof einen grossen Teil seiner Kindheit verbrachte. «Es war die Zeit, als in der Schweiz das Bewusstsein für diese Kinderschicksale geschärft wurde», sagt Häubi. Er grub immer tiefer: erst das Leben des Grossvaters und die Umstände der Verdingung, dann dessen Eltern – ab da gab es kein Halten mehr.

Suchtgefahr
Mit Ahnenforschung zu beginnen, heisst auch, diese Suche niemals fertigzustellen. Bis zu den Urgrosseltern lässt sich der Stammbaum noch recht gut auf ein Blatt Papier bringen. Bei den Ururgrosseltern braucht man bereits 16 Felder. Ab da wird es eng, denn mit jeder Generation verdoppeln sich die Ahnen.

Endlose Suche
Häubis gefundene Ahnen sind inzwischen unüberschaubar im fünfstelligen Bereich. Seine Suche begann in den Zivilstandsbüchern. Dort gibt es die ersten Hürden. Anfängerfehler. Frauen haben in den Schweizer Ämtern bis heute keine eigenen Registerblätter. Sie sind beim Vater eingetragen und nach der Hochzeit bei ihrem Ehemann. Es ist unmöglich, eine Frau mit ihrem Ledignamen zu finden. Dafür braucht man zwingend den Namen des Vaters oder Ehemanns. Vergleichsweise schnell gelangt man in das frühe 19. Jahrhundert. Personendaten von vor 1865 finden sich in den Kirchenarchiven, die inzwischen weitestgehend digitalisiert wurden und in den Staatsarchiven der Kantone gespeichert. Wohl dem, der im Kanton Bern sucht, dort sind die alten Urkunden öffentlich und können heruntergeladen werden.

Auszug aus einem "Tauf-Rodel", konserviert auf CD. (Foto: ZVG)

Finden in Amerika
Häubis Forschungen stockten, die grossen Auswanderungswellen Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts verschlugen in fast jeder Familie im Sarganserland Ahnen nach Amerika. «Da sind die Mormonen eine grosse Hilfe», sagt Häubi, die haben umfangreiche Archive und sind sehr hilfsbereit. Beim Service der Kirche Jesu Christi gibt es eine kostenloseOnlinesuche. Im Laufe der Recherchen verstand er, dass seine Grossmutter im hohen Alter nicht durcheinander war, wenn sie ihm beschrieb, wo am Mississippi der Hans wohnt. Über die Auswanderung, ihre Ursachen und Wirkungen kann er aus dem Stand referieren. Auch das ist Genealogie, die für Häubi längst nicht mehr nur das Suchen und Finden der Namen und Daten beinhaltet.

Die Hürden
Alte Urkunden, gesichert auf CDs, bieten einen grossen Fundus an Forschungsmaterial – sofern man sie lesen kann. «Das braucht Zeit», so Häubi. «Ich muss die Dokumente an einem Stück entziffern und sofort niederschreiben.» Es ist nicht nur die alte Handschrift, die Mühe macht. Begriffe, verschwurbelte Formulierungen – all das muss in einen nachvollziehbaren Konsens übersetzt werden.
Und dann kommt das Durcheinander mit dem Datum! Der alte julianische Kalender stimmte nicht. Er hatte 365.25 Tage und keine Schaltjahre, alle 130 Jahre hatte er sich um einen Tag verschoben. Das Osterfest konnte nicht mehr eindeutig festgelegt werden. Im Jahr 1582 folgte in den katholischen Orten der Schweiz auf den 5. der 15. Oktober. Die letzten Gemeinden in Graubünden akzeptierten den gregorianischen Kalender 1812. Genealogen schreiben für die Übergangszeit jeweils zwei Daten in die Stammbäume. Und um das Chaos perfekt zu machen, wird jeder auf seiner Suche irgendwann auf eine Hochzeit zwischen Cousin und Cousine stossen. Deren Vorfahren tauchen ab da doppelt im Stammbaum auf und müssen demzufolge mit zwei Kekule-Nummern versehen werden.

Langsam einarbeiten
Wer sich mutig und ohne Vorkenntnisse in die Ahnenforschung stürzen will, findet Hilfe. Das System der Kekule-Nummern ist auf Wikipedia hervorragend erklärt. Unter www.geneal-forum.com funktioniert die gegenseitige Hilfe hervorragend und kostenlos. Die Mühe anderer kommt vielen zugute. «Ich habe von einem Mitglied eine Liste erhalten, die alle Hochzeiten mit dem Namen Häubi im Kanton Bern enthält», sagt Häubi. Die ersten Schritte werden vielleicht zaghaft sein, aber wen es in diesem Stadium packt, den lässt es nicht mehr los. Und wer bereits Enkel und Urenkel hat: Bei den Nachkommen funktioniert das System genau gleich – mit negativen Zahlen.

(sw)

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