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(Fotos: Michael Zanghellini)
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Region|27.09.2019

Alltag im Grenzland ­Liechtenstein

SCHAANWALD - Täglich queren Tausende Menschen die österreich-liechtensteinische Grenze, darunter Pendler, Einkaufstouristen, aber auch Kriminelle, illegale ­Migranten, Schmuggler.

(Fotos: Michael Zanghellini)

SCHAANWALD - Täglich queren Tausende Menschen die österreich-liechtensteinische Grenze, darunter Pendler, Einkaufstouristen, aber auch Kriminelle, illegale ­Migranten, Schmuggler.

Wachsam scannt Andrea Schmid die Umgebung nach möglichen Gefahren. Ein Blick nach links, einer nach rechts und wieder links. «Berufskrankheit», sagt der Postenchef des Schweizer Grenzwachtkorps (GWK). Mit zwei Kollegen patrouilliert er heute früh am Bahnhof Buchs. Ausgerüstet mit schusssicherer Weste, Pistole, Pfefferspray, Schlagstock, Handschellen, Taschenlampe und Handschuhen tragen die Uniformierten rund zehn Kilogramm Ausrüstung am Körper. Berufsbedingt scheint deshalb auch der Gang – breitbeinig mit ausgestellten Ellenbogen. Über Funk sind die Männer untereinander, mit der Einsatzzentrale in Chur, der Kantonspolizei und der Landespolizei verbunden. «Kein Arbeitstag ist wie der andere. Man weiss nie, was einen erwartet», sagt Andrea Schmid.

Hotspot Bahnhof Buchs

Der Zug aus Bratislava fährt in Buchs ein, geplant sind sechs Minuten Aufenthalt. Die Grenzwächter stellen sich einzelnen Ankommenden in den Weg. Stichprobenkontrollen. Ein älterer Herr mit Rucksack gibt an, etwas Fleisch mitzuführen. Eine jüngere Frau hat Kleidung eingekauft. Das «Du», wie es in Liechtenstein üblich ist, gibt es im Jargon der Grenzwächter nicht, es wird Distanz gewahrt: «Woher kommen Sie?», «Sie arbeiten in der Schweiz?», «Sie sind wohnhaft in der Schweiz?» Nach einem kurzen Blick auf die ID-Karte der Frau wird sie mit einem «Wiederluaga» entlassen. «Im Gespräch müssen die Aussagen ein stimmiges Bild ergeben», sagt Schmid. Ansonsten gilt es, einzuhaken und hartnäckig zu sein. Mit den Jahren entwickle jeder Grenzwächter einen gewissen Spürsinn. Der Bahnhof Buchs ist immer schon ein Hotspot gewesen. Nicht nur für Schmuggler, sondern auch für Migranten. Im Jahr 2015 kamen rund 4500 Flüchtlinge in Buchs an, pro Zug etwa 50 Menschen. Einer nach dem anderen musste dann abgearbeitet werden. «Das war ein rechter Kraftakt, den wir zu stemmen hatten», erinnert sich der Postenchef. Die Grenzwächter steigen in den Zug. Kontrolliert werden vor allem die internationalen Züge aus Zagreb, Budapest, Wien, Graz, Innsbruck. Von den offenen Grenzen profitieren nicht nur Pendler und Touristen, sondern auch Kriminelle. Insbesondere in den Nachtzügen seien immer wieder interessante – sprich polizeilich gesuchte – Menschen zu finden. Das können Personen sein, die ihre Parkbussen nicht bezahlt haben, bis hin zu Schwerverbrechern. «Die Arbeit im Zug ist eine ganz andere wie auf der Strasse. Hier ist es eng, es gibt viele Menschen. Man muss auf alles gefasst sein», sagt Schmid. Wieder werden einzelne Personen herausgepickt, kontrolliert und deren Dokumente überprüft. Mit ruhiger Stimme, aber klaren Anweisungen wird ein dunkelhäutiger Mann aufgefordert, seinen Ausweis zu zeigen. Per Handy-App wird die Personenabfrage durchgeführt. «Früher gab es dafür noch eine Telefonstandleitung und einer sass vorm Computer und hat die Personendaten kontrolliert», schmunzelt Schmid. Personenkontrollen sind eigentlich harmlose Situationen, die aber bei Kriminellen schnell eskalieren können. «Besonders brenzlig wird es, wenn Waffen im Spiel sind», sagt der Postenchef. Er berichtet von einem Zugreisenden, der seine Waffe zwischen den Sitzen bereits griffbereit hielt und einem, der aufgrund einer genaueren Kontrolle den Zug verlassen musste und schliesslich in der Bahnhofshalle seine Pistole zückte. «Da läuft es einem kalt über den Rücken», so Schmid und verdeutlicht, dass der Beruf auch gefährlich sein kann. Ein Symbol dafür ist auch der Gendenkstein in Ruggell, nahe dem Bangshof. Dort wurde 1999 ein Grenzwächter von einem Waffenschmuggler erschossen. Schmid sucht den Gedenkstein mit jedem seiner neuen Mitarbeiter auf.

(Fotos: Michael Zanghel­lini)

Mobiler Einsatz rund um die Uhr

Per Funk werden die Männer über die Einreise einer «gefährlichen» Person informiert. Das bedeutet: Erhöhte Sicherheitsstufe, gewisse Kontrollpunkte müssen jetzt besetzt werden, weitere Details und einsatztaktische Massnahmen dürfen an dieser Stelle nicht veröffentlicht werden. Die Einsatzequipe wechselt vom Bahnhof nach Ruggell. Andrea Schmid ist seit fast 20 Jahren als Grenzwächter tätig, die Funktion des Postenchefs hat er seit vier Jahre inne. 31 Mitarbeiter folgen seinen Befehlen und zeigen während dreier Schichten rund um die Uhr Präsenz. Zu unregelmässigen Tages- und Nachtzeiten – die Grenzwache will unberechenbar bleiben – wird auch an den Übergängen Ruggell und Schellenberg kontrolliert. Während in Ruggell zahlreiche Autos die Staatsgrenze queren und die Männer ihre Frage «Führen Sie Waren mit?» nun im Minutentakt an die Ein- und Ausreisenden richten, herrscht in Schellenberg wenig Verkehr. «Umso grösser ist dort die Verlockung, verbotene Dinge mitzuführen», weiss Schmid. Geschmuggelt wird alles, was im Ausland günstiger, oder in der Schweiz verboten ist. Neben Waffen, Drogen, Zigaretten und Alkohol sind es vor allem Lebensmittel. Täglich würden Menschen erwischt, die Fleisch schmuggeln, mitunter zehn bis zwanzig Kilogramm. Sich dumm zu stellen, oder Ausreden wie «die Mama hats eingepackt» sind dann zwecklos. Andrea Schmid: «Wenn du mit dem Flugzeug reist, weisst du ja auch, was im Koffer drin ist.» Neben der ordentlichen Verzollung müssen die Schmuggler deshalb auch mit einer «saftigen» Busse rechnen. Dann sei die Sache aber erledigt. Ausser: Es handelt sich um verbotene Waren – Medikamente, Betäubungsmittel, Waffen oder auch Tiere. Schmid erzählt von einem Hundewelpen aus Serbien, ein Land, das als Tollwutgebiet ausgewiesen ist. Der Welpe ohne Zeugnis musste beschlagnahmt werden und der Kantonstierarzt hat das Einschläfern verfügt. Ein herber Schlag für die jungen Hundebesitzer, aber auch dem Mitarbeiter der Grenzwache war die Situation unangenehm. «Es zeigt, dass auch wir Menschen sind, die mitfühlen», sagt Schmid. Mit den Jahren werde man aber routinierter und auch eine gewisse Abhärtung stelle sich ein.

(Fotos: Michael Zanghel­lini)

«Qualität vor Quantität»

Am späten Nachmittag wechselt die Patrouille nach Schaanwald, hier passieren die meisten Fahrzeuge die Grenze, täglich sind es rund 10 000 Autos. Der Übergang ist ständig mit zwei Mitarbeitern der Grenzwache besetzt. Im Schritttempo queren hier Pendler, Touristen, unzählige Lkw die Grenze. Ein Schema F, wer durchgewunken und wer kontrolliert wird, gebe es nicht. Auch keine Vorgaben zur Anzahl der Kontrollen. «Es geht nicht darum, möglichst viele zu kontrollieren, sondern die Richtigen. Für uns ist die Qualität entscheidend», betont Schmid. Immer wieder werden Autofahrer zur Seite gewunken und genauer kontrolliert. Innenraum, Kofferraum, Motorraum. Das gute alte Handschuhfach hat als Versteck längst ausgedient. «Die Gegenseite ist raffinierter geworden und weiss die heutige Technologie zu nutzen», sagt Schmid. Verstecke, die nur mit komplizierten Mechanismen zu öffnen sind, seien keine Seltenheit. Heute haben die Grenzwächter bei einem Autofahrer 41 Methadon-Tabletten entdeckt. Ausserdem wurde der Mann wegen des Verdachts des Fahrens unter Medikamenteneinfluss an die Landespolizei Liechtenstein übergeben. Andrea Schmid: «Wir sind die Behörde, die die Vergehen feststellt. Je nach Fall, werden dann die zuständigen Behörden verständigt und die Person übergeben.»

(um)

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