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Der bekannteste Drogenhändler der Schweiz, der «Schneekönig», hat hinter Gittern seine Braut Edith geheiratet. V. l. n. r.: Stefan Hohler, Edith, Reinhard Lutz, Sascha Michael Campi. (Foto: Edith)
Crime
Region|16.04.2021

Kolumne: Hochzeit hinter Gittern

Am Anfang dieses Jahres war ich zum ersten Mal als Trauzeuge an einer Hochzeit. Zwar war es nicht meine erste Hochzeit, zu der ich eingeladen wurde, doch mit Abstand die Aussergewöhnlichste.

Der bekannteste Drogenhändler der Schweiz, der «Schneekönig», hat hinter Gittern seine Braut Edith geheiratet. V. l. n. r.: Stefan Hohler, Edith, Reinhard Lutz, Sascha Michael Campi. (Foto: Edith)

Am Anfang dieses Jahres war ich zum ersten Mal als Trauzeuge an einer Hochzeit. Zwar war es nicht meine erste Hochzeit, zu der ich eingeladen wurde, doch mit Abstand die Aussergewöhnlichste.

Die Braut hiess Edith, stammte aus Ecuador und lebte bereits seit einigen Jahren in der Schweiz. Der Bräutigam hiess Reinhard Lutz. So weit mag alles noch gewöhnlich klingen, doch handelt es sich beim Bräutigam um den «Schneekönig », um den einst bekanntesten Drogenhändler der Schweiz, der unter anderem mit dem Kokainhandel ein komplettes Imperium aufgebaut und später sein halbes Leben hinter Gittern verbracht hat. Dementsprechend war nebst dem Bräutigam auch die Hochzeitslocation höchst speziell: die Justizvollzugsanstalt Cazis. Ich selbst kannte Lutz schon länger, hatte ich unter anderem 2019 seine Biografie verfasst. Lutz besass in seiner Blütezeit sieben Firmen und über neunzig Angestellte. Er war einer der wenigen, der als Schweizer das grosse Geld mit Drogenhandel machte. Er erlebte den Aufschwung des Schweizer Kokainhandels und prägte die Zürcher Szene wie fast kein anderer. Sein Name ist heute, gerade in Zürich, noch in vieler Munde. Ob Milieugestalten, Bänker, Geschäftsmänner oder Barkeeper, den «Reini» kennt man, auch wenn man ihn selbst noch nie gesehen hat. Lutz gelang viel, doch eines nie: der Aus-, respektive der komplette Umstieg ins legale Business. «Neinsagen» fiel dem heute Sechsundsechzigjährigen schon immer schwer. Heute sitzt Lutz einmal mehr in Haft, wo er mit Hilfe einer Sozialarbeiterin an sich arbeiten soll. «Neinsagen lernen» stehe als Ziel im Vordergrund. Dem Kumpel oder dem Geschäftspartner noch rasch einen dubiosen Gefallen erfüllen, oder noch rasch die eine oder andere Vermittlung tätigen, damit soll nun endlich Schluss sein. Vorgenommen hatte sich das der Schneekönig schon öfters. Dass es nun gelingt, sei ihm zu wünschen. Angereist in die Justizvollzugsanstalt bin ich zusammen mit dem Journalisten Stefan Hohler, der spontan als zweiter Trauzeuge eingesprungen ist, da der eigentliche krankheitshalber absagen musste. Stefan Hohler, der zwar das Brautpaar nicht persönlich kannte, jedoch über die Hochzeit schreiben wollte, sagte als Trauzeuge zu und nutzte so die Chance, bei einer Knast-Hochzeit dabei zu sein. Vor dem Eintritt in die Anstalt mussten wir, wie auch die Braut, zuerst einen Eingangscheck absolvieren. Mithilfe eines «Lasergeräts » wurde uns die Körpertemperatur gemessen, danach wurden unsere Augen gescannt und im System erfasst. Sollte man regelmässig zu Besuch kommen, kann das bei Folgebesuchen viel Zeit einsparen, doch für einen einmaligen Besuch ist es eine mühsame Angelegenheit. In der Anstalt selbst wurden wir von einer Sozialarbeiterin nett empfangen und in den Besucherraum, der zu einem kleinen Hochzeitssaal umgestaltet wurde, begleitet. Mit schlichtem dekorativem Aufwand holte man ein beeindruckendes Ambiente heraus. Mit Schutzmaske ausgestattet durften wir das Brautpaar in Ruhe begrüssen, auch die Standesbeamtin stellte sich uns vor. Die Trauung selbst war so, wie man es auch von einer standesamtlichen Trauung her kennt, so auch die Gefühle des Brautpaars. Ediths Tränen wirkten ehrlich, ebenfalls das «Jawort» des Schneekönigs. Edith, die in der Reinigungsbranche arbeitet, will auf ihren Gatten warten und mit ihm in ein neues Leben starten, fern der Vergangenheit und fern der Kriminalität. Kennengelernt haben sie sich rund sieben Jahre zuvor in einem Hafturlaub des Schneekönigs.

(smc)

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