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Hubert Hürlimann ist seit 1999 Geschäftsführer vom Lukashaus in Grabs. Die Selbstbestimmung in der Institution liegt ihm sehr am Herzen. Heuer freut er sich, das 175-Jahr-Jubiläum zu feiern. (Fotos: M. Zanghellini)
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Region|13.05.2021

Hubert Hürlimann: «Ein selbstständiges Leben für die Nutzer ist uns wichtig»

Das Lukashaus feiert heuer sein 175-Jahr-Jubiläum. Heute machen 88 Nutzer davon Gebrauch, weitere 180 Personen arbeiten dort. In all den Jahren habe sich nicht nur die Zahl der Menschen verändert, sondern auch die Philosophie: Menschen mit Behinderung haben inzwischen die Möglichkeit, so selbstständig wie möglich zu leben, sagt Geschäftsführer Hubert Hürlimann.

Hubert Hürlimann ist seit 1999 Geschäftsführer vom Lukashaus in Grabs. Die Selbstbestimmung in der Institution liegt ihm sehr am Herzen. Heuer freut er sich, das 175-Jahr-Jubiläum zu feiern. (Fotos: M. Zanghellini)

Das Lukashaus feiert heuer sein 175-Jahr-Jubiläum. Heute machen 88 Nutzer davon Gebrauch, weitere 180 Personen arbeiten dort. In all den Jahren habe sich nicht nur die Zahl der Menschen verändert, sondern auch die Philosophie: Menschen mit Behinderung haben inzwischen die Möglichkeit, so selbstständig wie möglich zu leben, sagt Geschäftsführer Hubert Hürlimann.

«fritig»: Herr Hürlimann, das Lukashaus hat eine lange Vergangenheit. Gehen wir erst zurück zu den Wurzeln. Wie sehen die Anfänge des Lukashaus aus?

Hubert Hürlimann: Das Lukashaus gehört zu den ältesten Institutionen in der Schweiz. Es wurde 1846 gegründet. Damals gab es Institutionen für Blinde, Gehörlose, Taube und Kretia (Kropfkrankheit). Dann gründete der Pestalozziverein die Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder im Bezirk Werdenberg. Unter der Leitung des Grabser Pfarrers Johann Heinrich Schiess wurde für 1100 Gulden (26 000 Franken) ein kleines Heimwesen am Studnerberg gekauft. Zuerst wurden nur Knaben aufgenommen, später auch Mädchen. So wurde die Institution immer grösser. Erst war es eine Rettungsanstalt, dann eine Erziehungsanstalt, dann ein Erziehungsheim. Doch das war noch nicht das Ende der Geschichte: In den 1950er-Jahren wandelte sich das Lukashaus in ein Sonderschulheim. Dies, weil es zu diesem Zeitpunkt zwar viele Kinderheime gab, aber keine Einrichtung für Menschen mit Behinderung. In den 1980er-Jahren erfolgte dann die letzte Neuerung: Damals wurde das Lukashaus in eine Institution für Erwachsene umgewandelt.

Woher kommt der Name Lukashaus?

Den Namen bekam die Institution in den 1950er-Jahren. Bis 2002 stand ein Verein dahinter. Vereinspräsident war ein Pfarrer – ein evangelischer – denn das Lukashaus ist eine evangelische Einrichtung. Eines Tages fand ein Pfarrer, dass es nicht sein kann, dass sich der Name der Institution ständig ändert. Er wählte einen Namen aus dem Evangelium: Lukas war ein Arzt, der Kranke und Verletzte pflegte.

Inwiefern finanziert sich das Lukashaus heute anders als damals?

Das Lukashaus war bis 1950 auf Spenden angewiesen. Der Staat hat auch mal einen Teil an ein Haus gezahlt, aber er erachtete dies nicht wirklich als seine Aufgabe. Da war alles noch kirchlich, soziale Institutionen waren erst später an der Reihe. Als in den 1950er-Jahren eine Sonderschule aus dem Lukashaus wurde, kam auch die IV zu tragen. Von da an waren die Spendengelder nicht mehr so wichtig wie zuvor. Heute wird das Lukashaus grundsätzlich nur noch über Sozialversicherungsgelder finanziert. Ein Teil ist aber auch die Rente der Nutzer, die hier zum Beispiel Miete bezahlen. Wir sprechen bewusst von Nutzerinnen und Nutzern. Für uns sind die Ausdrücke Kunden oder Klienten nämlich falsch.

«Der Staat hat auch mal 
einen Teil an ein Haus 
bezahlt, aber er erachtete
dies nicht wirklich als 
seine Aufgabe.»

Hubert Hürlimann, Geschäftsführer Lukashaus Grabs

Die Kirche war in der Vergangenheit ein grosses Thema, inwiefern spielt sie heute noch eine Rolle?

Für diejenigen, die von Grunde aus religiös sind, ist die Kirche durchaus ein Thema. Wir merken es beispielsweise dann, wenn eine Beerdigung stattfindet. Jenen Personen ist es dann ein Anliegen, diese besonders spirituell und feierlich zu gestaltet. Vielen hier im Lukashaus – gleich, ob Nutzer oder auch Mitarbeiter – sagt der Glaube aber nicht mehr so viel wie früher. Natürlich schreiben wir immer noch in unserem Leitbild, dass uns der christliche Gedanke wichtig ist, denn das war auch der Gründungsgedanke. Aber logischerweise sind wir nicht mehr nur Christen. Hier arbeiten auch Muslime, somit arrangieren wir uns mit verschiedenen Religionen.

Was hat sich in der langen Geschichte des Lukashauses grundlegend verändert?

Alles begann in einem alten Bauernhaus. Ich gehe davon aus, dass das Lukashaus dieses Stück Land erwerben konnte, weil es das billigste war. Es war Sumpfland. Damals gab es beispielsweise das Spital auch noch nicht. Heute sind Grabs und Buchs riesig. Mit den Ortschaften ist auch die Institution gewachsen. Damit stieg auch die Zahl der Nutzer. Heute sind es 88 Nutzer, davon leben 74 bei uns, die restlichen bei ihren Familien. Zudem zählt das Lukashaus 180 Mitarbeiter. Früher war klar die Vorstellung zu wissen, wer wo dazugehört. Hinter dem Lukashaus steht ein Schulhaus. Die Kinder aus der Anstalt, mit der Zeit «Lukashüüsler » genannt, durften diese nicht besuchen. Den aussenstehenden Kindern wurde dafür gedroht, «wenn du nicht artig bist, musst du ins Lukashaus».

Hielt die Bevölkerung demnach Abstand?

Ja, auf jeden Fall. Früher wurde ganz klar separiert. Man hatte praktisch nichts miteinander zu tun. 1999 kam ich als Geschäftsführer ins Lukashaus, und ich musste sehr kämpfen. Einmal bekam ich um etwa 23 Uhr einen Anruf aus einer Beiz im Dorf. Die Dame am Hörer sagte mir, da sei jemand in ihrer Beiz, der sie mit einem Stuhl attackiert. Ich fragte sie nach dem Grund. Sei antwortete, er wolle hier etwas trinken – sie gab ihm aber nicht, weil sie das bei einem «Lukashüüsler» noch nie getan hatten. Nur wenn man offiziell als Gruppe hinging, bekamen auch die Bewohner etwas zu trinken. Ich sagte ihr dann, dass sie ihm das geben solle, was er bestellt. Sollte er nicht bezahlen können, solle sie sich wieder melden. Ich habe nichts mehr von ihr gehört. Kurze Zeit später rief mich eine Mitarbeiterin an und sagte mir, dass ein Mitbewohner nicht nach Hause gekommen sei. Ich entgegnete, dass ich wisse, wo er ist. Er sei in der Dorfbeiz etwas trinken. Die Mitarbeiterin sagte dann entsetzt, dass er das doch nicht darf. Da fragte ich, warum denn nicht? Da merkte ich, dass sich nicht nur das Dorf, sondern auch die Mitarbeiter im Lukashaus von den Nutzern separiert hatten. Ich durfte bei der IG Grabs später einmal einen Vortrag halten. Bei diesem habe ich gesagt, dass diese Trennung ein Ende haben muss. Wir müssen auch die Nutzer vom Lukashaus fair und mit Respekt behandeln. Langsam begann man, gemeinsam anstatt jeder für sich zu leben. Als wir dann auch Wohnungen in Grabs hatten und Bewohner im Dorf lebten, wurde die Akzeptanz grösser.

Das Lukashaus war einst eine Auffang­station für verwahrloste Kinder, heute ist es eine Institution für Menschen mit Behinderung. Diese haben nicht nur die Mög­lichkeit selber zu wohnen, son...

War es ein langer Prozess, bis die Nutzer vom Lukashaus so akzeptiert wurden, wie es heute ist?

Ich würde sagen, dass es etwa 20 Jahre brauchte. Es kommt aber immer wieder vor, dass Leute nicht verstehen, dass die Nutzer vom Lukashaus auch am normalen Leben teilhaben wollen. Wir haben auch Wohnungen in Gams. Vier Bewohner nahmen in Gams an einem Vortrag für Alterswohnungen teil. Da war auch ein Mann, der sich wunderte, was die «Lukashüüsler» da tun. Da konterte eine Frau, dass auch sie einmal alt werden und wissen wollen, wo sie im Alter leben können. Da ging dem Mann ein Licht auf. Ein Verständnis für andere Menschen sowie auch für andere Kulturen zu entwickeln, braucht einfach Zeit.

Hatte das Lukashaus auch schwere Zeiten?

Es waren bestimmt nicht immer schöne Zeiten. Ein Grabser, der eine Zeit lang im Heim war, hat mir erzählt, dass er hier geschlagen wurde. Das war in den 1950er-Jahren. Doch als Verdingkind habe er es sehr schön gehabt. Er sei auf einem Bauernhof zu Hause gewesen, und man habe ihn auch verstanden. Ein anderer, der auch zur gleichen Zeit in der Anstalt wohnte, sagte wiederum, er habe es sehr gut gehabt. Die Heimväter waren weder besser noch schlechter als die Eltern zu Hause. Ich selber wurde in der Schule auch noch geschlagen – wurde aber erst 1960 geboren. Das «isch Gang und Gäb gsi». Somit war es das im Lukashaus auch. Ich denke, Gewalt und Übergriffe gab es überall zu diesen Zeiten. Es war trotzdem nicht korrekt und heute unvorstellbar.

Das Angebot des Lukashaus ist inzwischen sehr vielfältig. Was bieten Sie Ihren Nutzern und Besuchern alles an?

Selbstbestimmung ist bei uns sehr wichtig. Das zeigt sich auch an all den Wohnungen, die wir bereits für unsere Nutzer haben. In Gams haben wir fünf und in Grabs elf Wohnungen. Neu kommen sechs Wohnungen in Grabs dazu, damit unsere Nutzer so selbstständig wie möglich leben können. Auf dem Areal selber haben wir noch sieben Wohnungen. Zudem haben wir in der Grabser Industrie bei der Firma Lippuner eine Werkstatt. Bei der Post in Grabs haben wir zudem eine Werkstatt und im L-Shop in Buchs ein Atelier eingerichtet. Der L-Shop befindet sich neu an der Grünaustrasse. Das Lukashaus bietet eine grosse Palette von Selbstbestimmung an. Das reicht vom selbstständigen Wohnen bis hin zur 24-Stunden-Pflege. Die Nutzer haben eher komplexe Behinderungen. Wir versuchen demnach stets, ein gutes Angebot für sie zu schaffen. Gerade erst hat uns Coop Ostschweiz angefragt, ob wir bei einem Integrationsmodell mitmachen wollen. Ab Juni haben wir zwei Integrationsplätze, bei denen Nutzer vom Lukashaus bei Coop arbeiten können und somit in Alltag integriert werden. Ziel ist, vier solche Arbeitsplätze einzurichten. Früher war das unvorstellbar. Vor etwa 15 Jahren erteilte uns Coop noch eine Absage. Heute geht das zum Glück. Weiter haben wir auch noch unsere Tiere und die Parkanlage. Wir können damit sehr gut auf die Situation und Talente der Nutzer eingehen. Zudem haben wir noch eine gesicherte Abteilung für Menschen, die Mühe haben, in unserer Gesellschaft Fuss zu fassen. Das sind beispielsweise Personen, die eine Wahrnehmungsstörung aufweisen (die Welt anders wahrnehmen) und viel Ruhe benötigen.

«Früher wurde ganz klar 
separiert. Man hatte 
praktisch nichts 
miteinander zu tun.»

Hubert Hürlimann, Geschäftsführer Lukashaus Grabs

Selbstbestimmung ist bei euch grossgeschrieben. Wieso?

Selbstbestimmung ist sehr wichtig. Wir müssen auf das Gleichgewicht achten. Zu viel davon wäre egoistisch, zu wenig dafür problematisch. Wir leben nicht nur für die Gemeinschaft, sondern auch für uns selber. Damals, als ich im Lukashaus angefangen habe, hat eine Mitarbeiterin gekündet Der Grund: Es sei nicht mehr schön, hier zu arbeiten, seit ich hier bin. Früher habe sie bestimmt, dass alle gemeinsam ins Kino gehen. Sie wählte auch den Film. Heute müsse sie jeden Einzelnen fragen. Natürlich ist es aufwendiger, wenn jeder selbst bestimmen kann, aber genau das ist wichtig. Wir wollen, dass unsere Nutzer so selbstständig wie möglich sein können. Sie sollen also auch selber Entscheidungen treffen dürfen.

In naher Zukunft steht ein Neubau an. Was können Sie uns dazu erzählen?

Grund für den Neubau ist, dass das ältere Haus auf dem Areal, nicht behindertengerecht ist. Die Fenster sind für Nutzer im Rollstuhl zu hoch oben, und der Lift ist viel zu eng. Zudem ist das alte Haus denkmalgeschützt und darf nicht verändert werden. Somit können wir es nicht so umbauen, dass es für alle passt. Wir haben eigens dafür eine Studie erstellt. Natürlich ist uns die Integration im Dorf wichtig, doch der Neubau wird hier entstehen. Hier können sie schreien und laut sein, hier kennen sie sich aus, hier sind die Tiere und ihr Park, und das soll weiterhin vor ihrer Haustüre sein. Hier haben sie auch ihre notwendige Ruhe. Wir bauen drei Stockwerke. Auf diesen verteilen sich 3- und 4-Zimmer-Wohnungen. Sie wohnen dann gleich wie wir mit Küche und Wohnzimmer. Dennoch bleiben sie auf dem Areal. Zudem kommt die gesicherte Abteilung auch in die neuen Räumlichkeiten.

Wie ist der Fahrplan für den Neubau?

Die Baubewilligung haben wir nach vielen Monaten endlich bekommen. Wir hoffen, dass wir im Dezember 2021, spätestens im Januar 2022, starten können. Der Bezugstermin wäre dann Januar 2024.

Das 175-Jahr-Jubiläum des Lukashauses wollen Sie feiern. Wie soll diese Feier aussehen?

Eigentlich wollten wir das ganze Jahr durch feiern und jeden Monat mit einem Verein einen Anlass durchführen. Aufgrund von Corona mussten wir die ersten Veranstaltungen streichen. Der Anlass mit der Pfadi «AL4» Buchs steht voraussichtlich, denn sie feiern im Sommer ihr 90-jähriges Bestehen. Einen Gottesdienst konnten wir bereits durchführen. Vom 19. bis 21. August ist dann die eigentliche Feier, an der wir das Jubiläum begehen. Am 19. August ist der offizielle Tag für alle Behörden und Unterstützer. Am Tag darauf ist das Sommernachtsfest. Dazu sind die Angehörigen aber auch die Bevölkerung eingeladen. Und am 21. August findet das Kinderfest statt. Das machen wir zusätzlich, denn zur Gründung war es ein Kinderheim – das wollen wir gemeinsam mit ihnen feiern. Zudem sind wir an der WIGA mit der Sonderschau «Halt und Haltig». Sollte die WIGA abgesagt werden, wird unsere Sonderschau dennoch in einem anderen Rahmen gezeigt. Dann soll es noch ein besonderes Weihnachtsspiel geben. Eigentlich wollten wir auch mit den Fotos der Anlässe mit den Vereinen ein Buch erstellen. Allenfalls können wir nächstes Jahr einige Anlässe nachholen und dann noch dieses Buch gestalten.

(um)

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