Die Melser Nachtwächter «Sepp» Josef Vogel, René Ackermann, «Jöggi» Ernst Ackermann und Georg Egli. Sie sind das ganze Jahr unterwegs und erzählen von der Tradition des Nachtwächters. (Fotos: Gaby Müller)
Ortsporträt Mels
Region|27.08.2021

Die alte Tradition des Melser Nachtwächters wieder leben

Dramatische Feuersbrünste in Mels und Walenstadt hatten zur Folge, dass die Ortschaften über Jahrhunderte hinweg angesehene Nachtwächter für Schutz und Ordnung einsetzten. Der Letzte dieser Nachtwächter in Mels, Paul Lendi, war bis 1958 im Amt.

Die Melser Nachtwächter «Sepp» Josef Vogel, René Ackermann, «Jöggi» Ernst Ackermann und Georg Egli. Sie sind das ganze Jahr unterwegs und erzählen von der Tradition des Nachtwächters. (Fotos: Gaby Müller)

Dramatische Feuersbrünste in Mels und Walenstadt hatten zur Folge, dass die Ortschaften über Jahrhunderte hinweg angesehene Nachtwächter für Schutz und Ordnung einsetzten. Der Letzte dieser Nachtwächter in Mels, Paul Lendi, war bis 1958 im Amt.

Seit 2006 ziehen aber wieder vier Nachtwächter durchs Dorf und führen Interessierte an interessante Plätze und erzählen Geschichten und Anekdoten. Die Aufgabe des Nachtwächters aus dem 18. Jahrhundert in Mels war es, nach Feuer Ausschau zu halten und für Ordnung zu sorgen. Somit hatte der Nachtwächter die Erlaubnis, jedes Haus zu betreten. Dies, um sicherzustellen, dass auch Feuer und Lichter gelöscht sind. Die Einsetzung eines Nachtwächters war eine Reaktion auf zwei Grossbrände, die in Mels und Walenstadt zahlreiche Häuser zerstörten. Zunftmeister (Präsident) René Ackermann kennt die Geschichte: «Am 29. Juli 1767 gab es einen grossen Dorfbrand, bei dem das Rathaus und viele weitere Gebäude bis auf die Grundmauern zerstört wurden. Dieser Tag ging als ‹Schwarzer Mittwoch› in die Geschichte ein. Am 2. Juni 1799 brach in Walenstadt ein Feuer aus, dem das halbe Dorf zum Opfer fiel. Zudem starben vor Ort 21 Feuerwehrleute aus Mels und 8 aus Wangs.» Entdeckt habe den Brand damals der Nachwächter von Mels, er war es auch, der Alarm schlug und die Kirchenglocken läutete.

Peter Lendi war bis 1958 im Amt und der letzte Nachtwächter von Mels. (Foto: ZVG)

Seit 2006 wieder im Einsatz

Der Nachtwächter war jeden Tag unterwegs. War er beispielsweise krank, musste er selbst einen Ersatz finden, der am Abend von Haus zu Haus ging. «Nach dem Rücktritt des letzten Nachtwächters lag das Amt auf Eis, bis die Gemeinde in den 2000ern entschied, diese Tradition im Kulturbereich wieder aufleben zu lassen », erzählt Ackermann. Es wurde viel recherchiert, um herauszufinden, welche Aufgaben der Nachtwächter hatte. Am ersten Kulturtag 2006 durfte die Bevölkerung dann an der ersten Nachtwächterrunde teilnehmen. Seither bieten René Ackermann, Josef Vogel, Ernst Ackermann und Georg Egli auf ihren Führungen Einblick in das Nachtwächtertum. «Ganz wie früher ist es natürlich nicht. Wir dürfen nicht wie damals in alle Häuser hineinspazieren, aber die Route des damaligen Nachtwächters ist immer noch dieselbe», erklärt Ackermann. Bei der Führung erfahren die Besucher vieles über die Geschichte des Nachtwächters und die Gemeinde Mels. Die Runde beginnt bei der Kirche – das war auch der Startpunkt der alten Nachtwächter. Bevor es losging, erbaten sie die Hilfe Gottes: «Ich tritt wohl auf die Abendwacht, Gott geb’ uns allen ein’ gute Nacht; Löschet wohl Feuer und Licht, dass uns Gott und Maria behüt’!» Normalerweise ist der Nachtwächter mit einem Haselstock und der Laterne unterwegs, bei offizielleren Anlässen kommt die sogenannte Hellebarde, geschmiedet von Robert Schorno in Steinen bei Schwyz, in den Einsatz. Neben der Kirche habe auch das Oberli-Haus viel zu erzählen, sagt Josef Vogel: «Das Oberli-Haus hat vor allem im französischen Krieg eine grosse Rolle gespielt. Und auch die Hueb, wo das erste Rathaus stand, schauen wir mit unseren Gästen an.» Oft machen die Besucher einer Führung den Abschluss im Restaurant Schlüssel in Mels mit dem Nachtwächter- Menu: Hörnli und Gehacktes mit Apfelmus. Der damalige Schlüssel- Wirt Sepp Kalberer selig war bei der Neugründung der Nachtwächter dabei und wollte etwas «Einfaches» anbieten, das viele Leute anspricht. Ausserdem kann man im Teelädeli Mels auch den Nachtwächter-Tee kaufen», sagt Ackermann. Ein traditioneller Anlass sei zudem der Silvesterabend. Dieser war für den früheren Nachtwächter der wohl anspruchsvollste des Jahres. Dieses Datum haben sich die heutigen Nachtwächter zum Anlass genommen und sind seit der Zunftgründung 2012 jeweils beim Silvesterblasen dabei, erklärt Georg Egli: «An Silvester spielt die Musikgesellschaft Konkordia Mels auf dem Dorfplatz. Wir begleiten sozusagen als Gardisten den Gemeindepräsidenten bei seiner Ansprache. Nachdem die Melser Schällner das alte Jahr verabschieden, singen wir das Nachtwächter- Neujahrslied», sagt Egli.

(Foto: Gaby Müller)

Ein Teil der Melser Kultur

Die Fasnacht und die Alpabfahrt sind feste Bestandteile der Melser Dorfkultur. Die Gemeinde wollte 2006 dieses Angebot um eine Tradition erweitern: die Nachtwächter. «Jöggi» Ernst Ackermann, Ernst John, «Sepp» Josef Vogel und Georg Egli waren die ersten Nachwächter und begannen mit dem Aufbau. 2007 stiess René Ackermann dazu. «Es ist wichtig, dass es die Nachtwächter von Mels gibt. Sie erhalten ein Kulturgut. Zudem sind wir auch froh um die jüngere Generation, die in die Stapfen des Nachtwächters treten möchte», erklärt Ackermann. Zunftmeister und somit Präsident der Nachtwächter ist René Ackermann, Zunftschreiber (Aktuar) Josef Vogel, Zeremonienmeister (Veranstaltungen und Anmeldungen) «Jöggi» Ernst Ackermann und Säckelmeister (Kassier) Georg Egli. Sie alle sind mit Herzblut dabei und sind nicht nur gerne in der Geschichte von Mels unterwegs, sondern geben sie auch gerne weiter, sagt Josef Vogel: «Wir haben die Kleider des Originals vom letzten Nachtwächter nachschneidern lassen und tragen sie stolz auf unseren Rundgängen. Ich bin selbst ein Zugezogener und habe eine Freude daran, anderen aus der Geschichte von Mels zu erzählen.» In die Vergangenheit von Mels einzutauchen, ist möglich, wenn man mit den Nachtwächtern von Mels durchs Dorf zieht und den Geschichten über die Gemeinde lauscht.

(um)

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