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Thomas Kohler hat schon als Kind die Melser Alpabfahrt hautnah miterlebt. (Foto Ursina Marti)
Ortsporträt Mels
Region|27.08.2021

Alpabfahrt: Wenn Vieh und Älpler nach Hause kommen

Wenn wir die Kuhglocken schon von Weitem hören, sich das ganze Dorf und Besucher versammeln und die Älpler Kühe, Ziegen und Schafe ins Tal führen, ist der Alpsommer vorbei. Dann kehren die Tiere in ihre Ställe zurück. Diese Tradition wird in Mels heute noch gross gefeiert.

Thomas Kohler hat schon als Kind die Melser Alpabfahrt hautnah miterlebt. (Foto Ursina Marti)

Wenn wir die Kuhglocken schon von Weitem hören, sich das ganze Dorf und Besucher versammeln und die Älpler Kühe, Ziegen und Schafe ins Tal führen, ist der Alpsommer vorbei. Dann kehren die Tiere in ihre Ställe zurück. Diese Tradition wird in Mels heute noch gross gefeiert.

Seit dem 14. Jahrhundert soll es im Sarganserland Alpen geben. Die Tradition der Alpabfahrt habe sich aber viel später entwickelt. Thomas Kohler von Mels Tourismus weiss, dass früher im Gegensatz zu heute der Alpauftrieb zelebriert wurde: «Ganz am Anfang war Anlass der Feier, dass die Tiere und Älpler gesund auf die Alp kommen. Ab den 1960er- und 1970er-Jahren wurde dann die Alpabfahrt gefeiert. » Schnell seien auch die Melkstühle ins Spiel gekommen, die mit vielen frischen Blumen geschmückt und den Tieren verkehrt auf den Kopf gebunden wurden. In den 1980er-Jahren habe die Alpabfahrt an Bedeutung verloren – vorerst, denn schon zehn Jahre später wurde daraus wieder ein grosses Fest. «Früher liefen die Älpler und Bauern von der Alp hinunter, sobald es für sie richtig war. Irgendwann wurde beschlossen, dies nur noch am Wochenende zu tun», erklärt Kohler. Heute sei es auch aufgrund des Verkehrs eine wichtige Massnahme. Viele Menschen leben beispielsweise im Weisstannental. Sie müssen zur Arbeit oder in die Schule. Da kann die Strasse nicht einfach gesperrt werden. Wann genau die Alpabfahrt stattfindet, lasse sich erst ein oder zwei Wochen im Voraus sagen, erklärt Kohler: «Solange es Futter auf der Alp gibt und noch kein Schnee liegt, bleiben die Tiere auf der Alp. Die meisten Alpen ziehen am zweiten und dritten September-Wochenende hinunter ins Tal.» Wenn es dann soweit ist, reisen viele Menschen aus der Region, aber auch von weiter her an – gleich, ob von Zürich, Basel oder gar der Westschweiz. Mels besitzt wohl eine der grössten Alpabfahrten. Diese Tradition gibt es aber auch in Liechtenstein, Appenzell und der Innerschweiz.

Seit Jahren werden Melchstühle mit Blumen geschmückt, die auf den Köpfen der Kühe platziert werden. (Foto: ZVG)

Das grosse Mels

Mels ist mittlerweile eine grosse Gemeinde. Dazu gehört auch eine grosse Alplandschaft. 26 Alpen zählt die Gemeinde. Zwei davon liegen zwar auf eigenem Boden, gehören aber zur Gemeinde Sargans. «Auf den meisten Alpen sind Milchkühe und Rinder, doch wir haben auch ein paar Alpen, auf denen nur Schafe sind. Auf den grossen Alpen sind bis zu zehn Personen gemeinsam im Einsatz. Sie betreuen zwischen 80 bis 190 Tiere. Kleinere Alpen, welche keine Milchverarbeitung auf der Alp vornehmen, werden von ein bis zwei Personen bewirtschaftet.» Gutes Personal zu finden, sei heute eine Herausforderung, denn es gehöre mehr dazu, als nur zu Melken und alle Tiere im Auge zu behalten: «Wir suchen bereits im September das Personal für das nächste Jahr. Bis im Januar müssen wir alle haben. Wir haben zwar viele Bewerber, doch die meisten haben eine falsche Vorstellung von der Zeit auf der Alp.» Die drei Monate auf der Alp beinhalten Herausforderungen wie auf die Kühe zu schauen, Weiden zu pflegen, gut untereinander auszukommen und das Wetter so zu nehmen, wie es kommt. «Auf der Alp steht man rund um die Uhr im Einsatz – oder zumindest bis zu 14 Stunden. Da oben habe man eine grosse Verantwortung. Jeder sollte sich mit der Arbeit und dem Vieh auch einigermassen auskennen », erklärt Kohler. Immer wieder gäbe es während der Alpzeit Abgänge, weil die Leute, die gemeinsam auf der Alp sind, nicht miteinander auskommen oder sich die Arbeit anders vorgestellt haben. Früher sei dies noch etwas einfacher gewesen, weil die meisten Älpler in einem Bauernbetrieb aufgewachsen sind. Damit wussten sie, was zu tun war. Heute haben viele eine Festanstellung in einem Betrieb und können nicht mehr so einfach für drei Monate weggehen und danach im Herbst in die Firma zurückkehren.

(Foto: ZVG)

Der Alpsommer ist sehr wichtig

Dass die Tiere jeden Sommer auf die Alp gehen, liegt nicht daran, damit die Bauern im Tal Ferien haben, sondern hat ganz andere Gründe: Einerseits haben Bauern im Tal einen fast leeren Stall und somit Zeit, sich um die Futterbeschaffung für den Winter zu kümmern, andererseits müssen die Alpenweiden bewirtschaftet werden, sagt Kohler: «Das Gras hohe muss weg. Damit verhindert man, dass Wald- und Buschbestände aufkommen. Das beugt auch Naturkatastrophen wie Lawinen oder Erdrutsche vor.» Dies sei auch der Grund, dass der Bund und die Kantone wieder mehr Geld an die Alpbewirtschaftung zahlen. Und ein weiterer Faktor seien die Alpprodukte: Die Beliebtheit von Alpkäse und -joghurt habe wieder zugenommen. Wenn die Alpzeit dem Ende zu geht, werden die Tiere gesammelt und auf die Alpabfahrt vorbereitet. Dies merken auch die Tiere, sagt Kohler: «Sobald den Kühen die dekorierten Melkstühle aufgesetzt werden, wissen sie, dass es geht nach Hause geht.» Auch die Glocken hätten eine lange Tradition, wurden aber früher aus einem anderen Grund den Tieren auf der Alp um den Hals gehängt: «Früher war man der Ansicht, dass die Glocken die Tiere vor Bösem schützen. Der Brauch an sich hat sich bis heute gehalten.» Heute seien die Glocken auch eine akustische Begleitung – sie sind schon kilometerweit zu hören. Dennoch müssen die Älpler und Veranstalter der Alpabfahrt vorsichtig sein, erklärt Kohler: «Vor allem bei heissem Wetter müssen wir aufpassen, denn die Glocken sind schwer. Und wir haben auch immer wieder Diskussionen mit Menschen, die der Ansicht sind, dass die Kühe damit gequält werden.» Kohler ist bewusst, dass noch nicht fit sind, wenn sie auf die Alp ziehen. In den drei Monaten auf den Bergen legten sie aber massiv zu, da sie täglich mehrere Kilometer zurücklegen. Ausserdem würden alle Kühe, die nicht fit genug oder beeinträchtigt sind, mit dem Transporter ins Tal geholt. Von allen Melser Alpen, laufen die Tiere hinunter, machen eine runde ums Dorf und treffen sich dann auf dem Dorfplatz. Für das Vieh sei die erste Station der Dorfbrunnen, wo sie viel Wasser trinken. Diese Zeit nutzen die Älpler, um sich von all den Besuchern begrüssen zu lassen. Dann gehe es weiter zum Auszugsplatz. Da werden sie von ihren Bauern abgeholt und nach Hause in den Stall gebracht.

(um)

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