Crime
Region|27.08.2021

Tattoos – Von Eismumien, Knastis und Seeleuten

Gerade im Sommer sieht man unzählige von ihnen. Ob an der Wade, am Oberarm, am Hals oder gleich an mehreren Körperstellen.

Gerade im Sommer sieht man unzählige von ihnen. Ob an der Wade, am Oberarm, am Hals oder gleich an mehreren Körperstellen.

Tattoos verzieren unsere Gesellschaft. Doch wann hat der Mensch mit dem Tätowieren begonnen? Einig ist man sich bis heute nicht. Eine Zahl, die herumgeistert: vor 12 000 Jahren. Der unumstrittenste Beweis ist jedoch 5400 Jahre alt und wurde in den Bergen Österreichs gefunden: «Ötzi» (die Eismumie). Früher wurde die Haut mit scharfen Steinen und Knochen aufgeritzt und dann mit Asche oder Pflanzenfarbe eingerieben. Heute gibt es Tätowiermaschinen, die einem die Farbe mit Hochgeschwindigkeit unter die Haut spritzen. Bis vor einigen Jahren galt das Tätowieren noch als verrucht und Tätowierte wurden so in eine von zwei möglichen Schubladen gesteckt: als Seemann oder Ex-Knasti. Gerade unter den Kriminellen waren die Tätowierungen lange besonders begehrt. Ein Spinnennetz konnte die Länge der Haftzeit nachweisen. Fünf Punkte standen für einen Gefängnisaufenthalt, wobei der innere Punkt den Häftling und die vier äusseren die Mauern symbolisierten. Drei Punkte standen hingegen für den Ehrenkodex der Gefangenen: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Einen Mord begangen zu haben, wurde meist mit einem Tränen-Tattoo verewigt. Während früher Seeleute, Knastis, Rocker, Punks und eher die ärmere Schicht in der Gesellschaft tätowiert war, so hat sich bis heute viel verändert. «Heute lassen sich von jung bis alt alle tätowieren. Aus jeglicher Schicht. Ich hatte bereits Chefärzte, Polizisten und Witwen aus Pflegeheimen bei mir auf dem Stuhl», erklärt Tobi aus dem «32Tattoo » in Bern. Aktuell seien Mandalas und Blumen-Tattoos im Trend, doch könne sich dies von Jahr zu Jahr wieder ändern. Das Einzige, was nie aus der Mode komme, seien Schriftzüge. In den letzten zwanzig Jahren sanken die Hemmungen, sich ein Tattoo stechen zu lassen, in der Bevölkerung rasant. Zuerst achtete man noch penibel auf die Körperstelle, wo man es platzierte, denn gerade Hände, Hals, Bauch sowie Unterarme wurden oft gemieden, da man negative Konsequenzen im Beruf befürchtete. «Das gibt es auch heute noch. Gerade Personen, die in Pflegeberufen oder der Finanzbranche arbeiten, achten besonders darauf, dass ihre Tattoos gut unter den Kleidern versteckt werden können », so Tobi über die Tabus in gewissen Berufen.

Auf die Frage, was das Schönste am Beruf des Tätowierers sei, erklärt der Berner Tätowierer: «Das Schönste ist zugleich das Nervigste am Beruf. Es ist der viele Kontakt mit unterschiedlichen Menschen, was manchmal ganz grossartige Begegnungen und Gespräche ergeben kann, aber genauso oft auch sehr viele Nerven kostet, denn es gibt bekanntlich verschiedene Kostgänger auf der Erde!» Tätowierungen sind eindeutig gesellschaftsfähig geworden. Tobi selbst ist komplett tätowiert, sogar im Gesicht, und doch rät er nicht jedem dazu, sich komplett zu verzieren. Gerade bei jungen Leuten hakt er je nach Tattoo und Position oft einmal mehr nach, ob sie es sich denn gut überlegt hätten, denn es begleitet einem am Ende ein Leben lang. «Was ich bisher zweimal erleben musste und ich als Familienvater überhaupt nicht nachvollziehen kann, sind Mütter, die mich überreden wollen, dass ich ihre 12-jährigen Töchter tätowiere. Die Mädchen würden es wollen und die Mutter auch die Unterschrift geben. So etwas finde ich einfach nur schlimm und mache ich nicht nur aus gesetzlichen, sondern auch aus moralischen Gründen nie», erklärt Tobi über die Schattenseiten seines Berufs.

(smc)

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