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Valentin Landmann kennt sich im Rotlichtmilieu aus wie fast kein anderer. Er hat sich mit dem Milieu lange auseinandergesetzt. (Foto: SMC)
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Region|19.11.2021

Kolumne: Das Pulsieren der Rotlichtviertel

Leicht bekleidete Frauen am Strassenrand. Schimmerndes Licht in dunklen Kneipen. Strassen erhellt durch Leuchttafeln, auf jedem zweiten steht das Wort Sex. Rotlichtviertel sind auf der ganzen Welt zu finden und doch sterben sie vielerorts langsam aus. An was liegt es und wie sehr pulsieren die Rotlichtviertel in Zürich noch?

Valentin Landmann kennt sich im Rotlichtmilieu aus wie fast kein anderer. Er hat sich mit dem Milieu lange auseinandergesetzt. (Foto: SMC)

Leicht bekleidete Frauen am Strassenrand. Schimmerndes Licht in dunklen Kneipen. Strassen erhellt durch Leuchttafeln, auf jedem zweiten steht das Wort Sex. Rotlichtviertel sind auf der ganzen Welt zu finden und doch sterben sie vielerorts langsam aus. An was liegt es und wie sehr pulsieren die Rotlichtviertel in Zürich noch?

Keiner hat sich in der Schweiz so intensiv mit den Rotlichtvierteln, oder wie wir es im Volksmund gerne nennen, dem «Milieu», auseinandergesetzt, wie der Milieuanwalt Dr. iur. Valentin Landmann. Mit seiner Zürcher Anwaltskanzlei vertritt er seit Jahrzehnten immer wieder Mandanten aus dem Sexgewerbe, darunter viele Prostituierte, Bordellbetreiber/- innen und anderweitige Gesellen aus der Halbwelt. Zudem hat er mehrere Bücher rund um das Sexgewerbe und die Halbwelt veröffentlicht. Wir alle kennen den Begriff Rotlichtviertel, auch wenn unsere Meinungen darüber höchst kontrovers sein können. Einige von uns waren schon persönlich vor Ort, andere kennen es aus Fernsehdokumentationen, Krimis oder Büchern. Auch wenn man das klassische Rotlichtviertel diametral betrachten kann, so hat sich diese eigene «kleine Parallel- Welt» in unsere Gesellschaft und unsere Köpfe integriert, wenn sie auch oft zu Unrecht als «Schattenwelt oder als Ort des Bösen» bezeichnet oder abgestempelt wird. Bis vor einigen Jahren fand man gerade in Zürich, besonders im Kreis 1 und 4, viele Sexclubs aneinandergereiht. Die Immobilien in solchen Quartieren waren beliebt und konnten teuer vermietet werden. Nur wer im Sexgewerbe an bester Lage war, konnte sich eines hohen Umsatzes sicher sein. Doch wie sieht es heute aus? Das Internet hat vieles verändert, so auch im Sexgewerbe. Heute suchen die Freier ihre Kontakte über das Internet, sei es über die Sex-Webseiten, wie aber auch direkt über die Webseiten der einzelnen Bordelle selbst. Die Betreiber/-innen haben dadurch Vorteile, denn spielt der Standort in ihrem Gewerbe keine primäre Rolle mehr, denn gefunden wird man heute dank dem Internet ausserhalb der Stadt, genauso gut, wie wenn man im Zentrum platziert ist. Diese Entwicklung mag einige Vorteile mit sich bringen, gerade in Sachen Miete und Konkurrenz, doch hat es auch das Aussterben der Rotlichtviertel verursacht und das gilt es zu bedauern. Ich habe mich mit Valentin Landmann über dieses Thema unterhalten und bei ihm nachgehakt, wie es um den Puls der Rotlichtviertel steht und wie sich diese in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben.

In vielen Städten weltweit findet man so genannte «Rotlichtviertel ». Wieso sind solche Rotlichtviertel unverzichtbar und was ist der Vorteil solcher Gebiete?

Sie haben den Vorteil, dass sich das Sexgewerbe konzentriert. Es gibt kein Suchen, auch weniger Motorisierte. Zudem ergibt sich durch die Konzentration in solchen Vierteln eine gewisse Selbstkontrolle. Gerade was den Strassenstrich betrifft, denn es wird beobachtet, wer mit wem wohin verschwindet, man fühlt sich dadurch in der Prostitution nicht nur sicherer, man ist es auch nachweislich. In Rotlichtvierteln gibt es viel weniger Übergriffe, im Gegensatz zu abgelegenen Orten, wo sich der Strassenstrich in Industriegebieten abspielt. Wir können in der Schweiz dankbar sein, dass die Prostitution nicht verboten ist, denn schauen wir in andere Länder, wie beispielsweise Thailand, Amerika oder auch in den arabischen Ländern, sind dort die Zahl der Übergriffe viel höher. Denn ein Verbot der Prostitution führt automatisch zur Ausbeutung. Zudem gibt es keine legalen Möglichkeiten, sich zu wehren. Am Ende ist man in Ländern, wo ein Verbot herrscht, auf den Schutz der Unterwelt angewiesen.

Eine der bekanntesten Schweizer Rotlichtviertel ist klar der Zürcher «Kreis 4». Wie hat sich dieser in den letzten Jahrzehnten entwickelt, respektive verändert?

Heute ist es in Zürich nicht mehr nach den einzelnen «Kreisen» bestimmt. Früher war der Kreis 1 für sein Sexgewerbe bekannt, später dann auch der Kreis 4. Heute ist das Rotlicht im Kreis 4 grundsätzlich verboten. Zumindest aus baurechtlicher Sicht. Klar existiert die Prostitution dort dennoch, denn macht man sich mit Prostitution höchstens mit einer «Übertretung» strafbar, da man ja lediglich Sperrzonen- Bestimmungen verletzt und da sind die Konsequenzen milde. Ein Rotlichtviertel, so wie man es sich im herkömmlichen Sinne vorstellt, existiert in der Schweiz nicht mehr. Gerade in Zürich hat sich die Rotlicht-Szene auf Gebiete ausserhalb der Stadt verlagert, was auch mit dem Internet zu tun hat, durch das man nicht mehr an bester Lage platziert sein muss und man dennoch «gut» gefunden werden kann. Ich selbst bedauere diese Entwicklung sehr, denn sehe ich mich als Rotlichtviertel-Nostalgiker, der die beinahe schon romantische Atmosphäre solcher Gebiete seit jeher fasziniert hat.

Früher wurden die Rotlichtviertel oft von Banden, manchmal sogar von einzelnen Personen, beherrscht. Wie sieht das heute aus?

Solche Hierarchien entstehen durch Verbote. Solange die Prostitution legal bleibt, herrscht auch ein freier Markt und so können Bandenbildungen in solchen Gebieten minimiert und beinahe schon komplett verhindert werden. Klar gibt es auch in der Schweiz einzelne Banden und Gruppierungen, jedoch betreiben solche meist nur eigene wenige Lokale und ihre «Macht» beschränkt sich auch auf diese eigenen Lokalitäten.

Früher gab es noch vermehrt Milieukriege, sind diese heute eine Seltenheit oder werden solche eher im Stillen geführt?

Solche Milieukriege sind bei uns in der Schweiz mittlerweile Geschichte. Es gibt sicher noch einzelne Auseinandersetzungen zwischen Gruppierungen, doch spielen sich diese eher im Drogenmilieu ab und weniger im Sexgewerbe.

Am Montag, dem 8.November kam es im Zürcher Kreis 4 zu einer Schiesserein, bei der Kreuzung Langstrasse/Hohlstrasse, ist hier von einem Einzelfall auszugehen oder brodelt es im Zürcher Milieu?

Dabei handelt es sich eindeutig um einen Einzelfall. Ich vertrete das Lokal, vor dem sich das Ganze abgespielt hat. Aktuell sind die Fakten zu diesem Vorfall noch unklar. Man weiss nur sehr wenig. Man weiss nicht einmal, ob es sich bei den Schüssen um eine Drohaktion gehandelt hat, also ob ins Leere geschossen wurde, oder ob tatsächlich auf eine Person gezielt wurde.

Sie setzten sich als Anwalt, Politiker und Buchautor seit Jahren für Leute aus dem Milieu ein. Was beeindruckt sie persönlich an dieser Parallelwelt, oder an der Halbwelt, wie sie sie persönlich gerne nennen?

Das Milieu ist ein eigenes und sehr spezielles Biotop, in dem man immer wieder sehr spannende und selbstständige Charaktere kennenlernt, mit denen man oft interessante und auch tiefgründige Gespräche führen kann. Man darf nie jemanden vorverurteilen, der aus dem Milieu stammt oder in ihm tätig ist. Im Milieu zu arbeiten oder zu leben ist nicht zu verachten. Nebst den Bewohnern dieses Biotops fasziniert mich selbstverständlich auch der klassische Reiz solcher Quartiere, mit all seinem beinahe schon romantischen Charme. Das Internet hat die Rotlichtviertel auseinandergerissen und das bedaure ich sehr.

(smc)

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